Smalltalk mit Lucien´N´Luciano aka. Luciano
Lucien Nicolet a.k.a. Lucien´N´Luciano, meist schlicht Luciano gerufen, zählt neben Ricardo Villalobos, Dandy Jack, Cristian Vogel, Chica Paula, Dinky u. a. zu den bekannteren Vertretern der chilenischen Elektronikszene, die schon seit längerem den Austausch mit der europäischen Bewegung pflegen respektive gleich von hier aus wirken. In der Nähe von Genf beheimatet, schickt der Cadenza-Labelhead nun seinen Debütlongplayer ins Rennen, der gegenüber seinen latinifizierten Mikrohouse-Maxis einen weit reichenderen Bogen spannt, dabei aber trotzdem deutlich die Handschrift des sympathischen Südamerikaners erkennen lässt. Da der sympatische junge Mann auch jüngst im Groove Leserpool richtig abräumte und unter anderem zum Newcomer des Jahres gekürt wurde, haben wir den Anlass genutzt und uns etwas genauer mit ihm unterhalten?.
Wie kommt es, dass ein in der Schweiz lebender Chilene auf einem englischen Traditions-Technolabel wie Peacefrog ein Album rausbringt?
Mark Kirby, der bei Peacefrog arbeitet und dazu noch Labelchef des englischen Labels Vertical Form ist, traf Ivan Smagghe [Blackstrobe, Paris, Red.] bei einem seiner Gigs in London, worauf der ihm erzählte, dass ich gerade im Begriff bin, ein Album rauszubringen, aber noch nicht so wirklich wüsste wo. Mark schickte mir tags darauf eine Mail, in der er mir versicherte, wie viel ihm daran gelegen wäre, das Album zu veröffentlichen. Nach einem Telefonat ließ ich ihm Tracks zukommen und zwei Tage später stand der Paketdienst vor der Tür, um die Masterbänder abzuholen. Bei Peacefrog waren alle ziemlich cool und durch die Gespräche am Telefon wurde mir klar, dass da professionell gearbeitet wird. Und so sagte ich mir: "Why not ..."
Wieso hast du es nicht auf Cadenza, deinem eigenen Label, veröffentlicht?
Cadenza verfolgt da einen anderen Ansatz. Das Label ist mehr cluborientiert, mein Album hingegen fokussiert eher die softe Seite: eine Mixtur aus Popmusik, HipHop, Reggae, Soul und vielen Melodien. Es ist mehr Home-Listening oder Car-Listening, wenn du so willst.
Wie lange hast du daran gearbeitet?
Über drei Jahre. Es war nun nicht so, dass ich wirklich an einem Album gearbeitet hätte, da waren einfach ein paar Tracks, die mir einiges bedeuten und die ich immer auf der Seite gehalten habe ... bis zum richtigen Zeitpunkt.
Wie ist dabei der Titel "Blind Behaviour" zu deuten?
Der Titel spiegelt eine Periode meines Lebens wider und ist mehr persönlicher Natur. Er fasst diverse Situationen zusammen, die ich im letzten Jahr so erlebt habe ... Wenn ich gerade mal keine Dancemusic mache, versuche ich, experimentierend in andere Bereiche der Musik vorzustoßen, erforsche neue Strukturen und so weiter. Dadurch ist das Album super emotional geraten, jeder Track erzählt eine Geschichte oder vermittelt dem Hörer ein gewisses Gefühl. Für die einen mag es melancholisch, für andere wiederum enthusiastisch sein, das hängt ganz allein von der Wahrnehmung des Einzelnen ab.
Bist du ein Romantiker?
Aber sicher. (lacht) Zumindest versuche ich, einer zu sein ...
Neben der Romantik ist dem Album auch eine beträchtliche Digitalästhetik zu entnehmen. Reizte dich genau dieser Kontrast?
Schon. Eigentlich ist es genau das, was mich an den neuen Wegen Musik zu machen so interessiert. All die Computer, all die Möglichkeiten ... Ich experimentiere dabei auch mit Songstrukturen, ersetze natürliche Instrumente durch digitale Artefakte wie Clips und Cuts, verwende editierte Bongos und andere Schlagzeugsounds und arbeite natürlich viel mit geschnittenem Hall und psychoakustischen Effekten.
Arbeitest du ausschließlich mit eigenen Sounds?
Ja. Das war mir sehr wichtig. Vom ersten bis zum letzten Ton habe ich an "Blind Behaviour" alles selbst gemacht. Keine Loops, nur selbst gemachte Bässe, ich habe manchmal Tage allein damit zugebracht, spezielle Sounds zu finden und sie in den Track zu integrieren.
Auf Bildern sieht man dich häufiger mit Babys und Kindern auf dem Arm, nun zieren auch noch zwei Kiddies dein Albumcover. Die eigenen?
Ja, das sind meine zwei Kinder. Es war mir wichtig, beim ersten Album meine besondere Beziehung zu ihnen darzulegen. Ich glaube, sie spiegeln sich sehr in meiner Musik wider, allein durch die Gefühle, die sie in den letzten drei Jahren in mir ausgelöst haben und die ich versuche, irgendwie in meine Musik "hineinzumalen". Wenn mein Vater Musiker gewesen wäre, hätte er sicher dasselbe für mich getan. Ist doch eine schöne Sache, oder?

Wenn du Chile mit der Schweiz respektive Europa vergleichst, was sind dann für dich so die krassesten Unterschiede?
In Chile dreht sich alles um die Familie. Du lebst dein Leben dort stets mit der Familie und irgendwann gehören auch deine Freunde dazu. Das war mir auch immer sehr wichtig. In der Schweiz ist es nahezu das Gegenteil, hier sind alle sehr individuell. Manchmal war es schon schwer, vor allem wenn man beginnt, seine Freunde zu vermissen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, wie es hier läuft. Die unterschiedliche Erziehung und und und. Aber es ist nun nicht so, dass man hier keine Freunde finden kann. Ganz im Gegenteil, es ist nur etwas anders, um nicht zu sagen kälter. Aber ich habe meine Erwartungen einfach etwas zurückgeschraubt, einen Prozess des Verstehens durchlaufen und weiß nun, dass die Uhren hier etwas anders ticken. Ich bin sehr gerne in der Schweiz und habe wirklich gute Bekanntschaften gemacht, aber dennoch sind viele meiner Freunde hier aus Südamerika. (lacht)
Hast du die Absicht, irgendwann nach Chile zurückzugehen?
Das ist eines der klarsten Dinge, die ich vor mir sehe. Eines Tages werde ich zurückgehen, aber ich weiß noch nicht wann. Nicht, dass ich mich hier nicht wohl fühlen würde, aber dort ist einfach mein Zuhause ...
Martin Schopf alias Dandy Jack alias Sieg über die Sonne hat viel für den musikalischen Austausch zwischen Europa und Chile getan und wird hier und da als Vater der chilenischen Technoszene bezeichnet. Kann man das so stehen lassen?
In einer gewissen Weise ja. Martin hat eine Menge angestoßen und war so etwas wie die Schnittstelle zwischen der chilenischen und der europäischen Szene. Aber schon lange bevor er sich ins Geschehen einschaltete, haben wir in Santiago kleine Partys organisiert und versucht, was zu bewegen. Martin lebte ja nicht in Chile, sondern kam nur einmal im Jahr mit ein paar Leuten, um Urlaub zu machen. In den ein, zwei Monaten, in denen er da war, haben wir natürlich mehr unternommen als sonst. Zuvor spielten wir Technoplatten in Rockclubs, wo die Leute auf uns zukamen und uns mit Äußerungen wie: "Hey, what the fuck is going on here ...?" oder "Get the fuck out of here" bedachten. Wir spielten manchmal nur eine Viertelstunde, bevor sie uns rausschmissen. Es war eine harte Zeit, wir haben viel gelernt, aber auch eine Menge Spaß gehabt ...
Apropos Karriere: Würdest du mir zustimmen, dass der reichlich abgefeierte "Orange Mistake"-Track auf Cadenza so etwas wie ein internationaler Türöffner für dich war?
Klar, es ist meine bestverkaufte Platte bis dato und hat somit mehr Leute erreicht als je zuvor. Wenn ich Tanzmusik mache, arbeite ich einfach am intuitivsten.
Welche Philosophie verfolgst du mit Cadenza?
Strictly Dancemusic im Maxiformat. Auf jeder Seite nur ein Track mit jeweils neun bis zwölf Minuten Spieldauer ...
Das erinnert wiederum an Ricardo ...
Lucinao: ... Ja, deswegen frage ich ihn auch ständig, ob er nicht mal endlich was zu Cadenza beisteuern möchte. Ihm dürfte das doch am leichtesten von der Hand gehen ... (lacht)
Man munkelt, dass du noch in diesem Sommer ein Album auf Playhouse veröffentlichen wirst ...
Sie haben mich gebeten, ja. Sie haben mein Liveset gehört und fragten, ob ich daraus nicht einzelne Tracks machen könnte, denn dieses Material ist bis dato unveröffentlicht. Ich habe da auch wirklich Bock drauf, aber ob ich es in den kommenden sechs Monaten auf die Reihe bekomme, steht auf einem anderen Blatt. Ich lass mir damit lieber Zeit, anstatt mich irgendwie unter Druck zu setzen.
Was steht un- und mittelbar noch so an?
Der Remix für Tim Wright aka Tube Jerk dürfte bald über Novamute rauskommen, dazu in Kürze eine weitere EP für Bruchstücke plus ein Track für die Compilation "Post Office" auf Telegraph Records. Dann noch ein Remix für Robag Wruhme auf Musik Krause und natürlich arbeiten wir gerade am zweiten Release für Cadenza. Die Vorbestellungen laufen sehr gut, worauf wir uns entschlossen haben, die Sache mit dem Label nun etwas ernsthafter anzugehen. Ach ja, dann mache ich noch einen Remix für The Vegetable Orchestra auf Karmarouge Records. Das sind ein paar Jungs aus Österreich, die Musik mit Gemüse machen ...
... wie geht denn das bitte?
Sie stecken Mikrofone in Karotten oder Brokkoli und hauen damit oder darauf rum. Sehr interessante Sache ... (lacht)
Das Album "Blind Behaviour" erscheint am 29. März 2004 auf Peacefrog.

[...] of Latin-Tribe in minimale Klangkonstrukte. So sehr das Label dafür steht, strikt Minimal (nach Lucianos Pfeife) zu produzieren, gelingt Ernesto doch ein kleiner Ausbruch. Die Fußstapfen seines [...]
[...] kam 2003 mit den beiden Tracks „Orange Mistake“ und „Stone Age“ von seinem Debütalbum „Lucien ´n` Luciano“, die in keinem Plattenkoffer renommierter Djs fehlen. Auch sein Label Cadenza hat sich [...]